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18 Dez

Revolutionäres Konzept soll Wirtschaft ankurbeln

Köln am 14. November 2134

Mit einem bis dato völlig unbekannten Konzept will die Lebensmittelkette Rewekaldi.de ihre Verkaufszahlen erhöhen und auch der maroden deutschen Wirtschaft zu mehr Wachstum verhelfen, teilte der Geschäftsführer Alfred J. Quack am Wochenende mit. So sollen in vielen deutschen Städten sogenannte “Offline-Stores” eröffnet werden, in denen wirkliche Waren ausliegen, die von Kunden vor Ort begutachtet, gegebenenfalls gekauft und schließlich auch sofort mitgenommen werden können.
“Auf diese Art entsteht ein völlig neuartiges Einkaufserlebnis.” erklärt Quack. Zwar böten die modernen 4D-Liquid-Technology-Complets der Homesysteme auch die Möglichkeit, etwas von allen Seiten zu betrachten, doch sei laut Aussage der Konzernmitarbeiter in letzter Zeit vermehrt der Wunsch aufgekommen, die Dinge vor dem Kauf tatsächlich zu sehen, daran zu riechen und sie auch anzufassen. Selbst der verstärkte Einsatz der seit vielen Jahren üblichen Duftsensoren habe dieses Bedürfnis nicht ausreichend befriedigt, und so sei man auf diese Idee gekommen.
Quack plant, die ersten Stores bereits zum Beginn des nächsten Jahres zu eröffnen und auch Schulungen anzubieten für diejenigen unter den Bürgern, die das analoge Einkaufen einmal ausprobieren wollen.

Die Bekanntgabe der Geschäftsidee rief allerdings auch Kritiker auf den Plan. Prof. Dr. Henk von der Universität Mainz befürchtet beispielsweise den Verlust tausender Arbeitsplätze im Bereich der Auslieferung und auch in den Logistik-Zentren von Rewekaldi.de, da die Menschen ihre Einkäufe nach diesem Geschäftsmodell auch selbst nach Hause befördern sollen. Zudem sei die körperliche Belastung durch diese Form schwerer Tragearbeit den untrainierten Bürgern nicht zuzumuten. “Schließlich gibt es Profis, die diese Arbeit wesentlich besser und effizienter verrichten können.” ereifert sich der Professor. Weiterhin spricht er von ausgesprochen beschränkter Auswahl in diesen Offline-Stores, die den Einkaufsgewohnheiten der Menschen unnötigerweise Schranken setzt und so zu Frustration und auch zu Gewaltausbrüchen führen könnte. Zudem könnten hochsensible Lebensmittel wie das schalenfreie, verzehroptimierte Zuchtobst durch die Möglichkeit, sie vor dem Kauf zu berühren, womöglich Schaden nehmen und müssten dann aufwändig recycelt werden.
Doch auch außerhalb des Lebensmittelbereiches sieht Henk Risiken:
Durch das Berühren der Waren oder ihrer Verpackungen durch mehrere verschiedene Menschen könne keine vollkommen keimfreie Lieferung mehr garantiert werden, was beinahe ausgerotteten, lebensbedrohlichen Krankheiten wie Schnupfen oder Husten den Weg ebne und leicht zu verheerenden Epidemien führen könne. Sollte etwa Kleidung angeboten werden, ergebe sich außerdem eine Notwendigkeit, hochsensible, üblicherweise nur vom privaten Homesystem erfasste Bodyshape-Daten entweder vor Ort zu erheben oder den Kunden zu zwingen, diese mitzubringen – ein immenses Datenschutzproblem.

Trotz aller Bedenken können Offline-Stores vor allem für Menschen, die den ursprünglichen, altmodischen Kontakt zur Natur schätzen, eine Bereicherung ihres Lifestyle-Lebens darstellen, bieten sie doch ein haptisches Erlebnis wie sonst nur die Forest-Hall vor der Stadt.
Auf lange Sicht werden sich diese Stores aber kaum durchsetzen, da wohl niemand ernsthaft das Bedürfnis haben wird, selbst auszuwählen, welche Cerealien am besten zur eigenen Darmflora passen oder welche Vitamine dem Brot für das Wochenende zugesetzt sein sollten. Als Ausflugsziel freilich sind diese Stores mit Sicherheit ein Vergnügen für die ganze Familie.