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19 Apr

Internet und Landleben (1.2)

Als ich neulich draußen in strahlendem Sonnenschein (und gehörigem Wind) Pferdemist geschaufelt habe (übrigens eine der entspannendsten Tätigkeiten, die ich kenne), dachte ich darüber nach, dass mein Leben, unser Leben als Familie in dieser Form nicht oder nur sehr schwierig möglich gewesen wäre, bevor es das Internet gab.

Kleine Beispielsituation, die zeigen soll, was ich meine: Während ich auf einem Gartenstuhl sitze und Fachliteratur rund um mein Dissertationsthema lese, mir online aus Bibliotheken in ganz Deutschland die Bücher heraussuche, die ich brauche und diese bestelle, Arbeitsaufträge abarbeite oder auch bloß verschiedene Texte oder Schnipsel in Smartphone oder Laptop tippe, kann mein Sohn auf der Veranda mit seinem Bobbycar herumsausen oder mit einem der Hunde herumtollen. Gern singt er dabei laut, es ist also vielleicht nicht die ruhigste Arbeitsumgebung. Dann kann ich kurz Pause machen und meinen Kram weglegen, damit wir zwei mit Oma zum Teich gehen können, um Froschlaich anzuschauen und uns die Füße nasszumachen. Irgendwann gehen wir wieder zurück, ich lege das Kind trocken (eventuell auch meine Füße) damit er weiter sausen und singen kann, während ich weitermache, Mails beantworte und schreibe, mir aus den Onlineausgaben von Fachzeitschriften (die ich dank VPN über die Uni oft kostenlos abrufen kann) Artikel suche und… eben weiter arbeite.
Jetzt stelle man sich diese Situation mal ohne Internet vor. Sicherlich könnte ich Bücher lesen und auch etwas dazu schreiben. Allerdings müsste ich sehr, sehr, sehr viel mehr Zeit vor Ort in Bibliotheken und dementsprechend auch in unterschiedlichen Verkehrsmitteln verbringen, wenn ich von hier aus tatsächlich sinnvoll arbeiten wollte. Vermutlich so viel Zeit, dass ich angesichts der Fahrtstrecke bis zur Uni mein Kind nur schlafend sehen würde – mal abgesehen davon, dass noch unklar ist, wer dann dafür sorgte, dass das Kind überhaupt schliefe, denn mein Mann muss ja auch ab und zu mal arbeiten (allerdings tut er das auch extrem oft von zu Hause aus – danke, Internet!).
Ein weiterer Punkt: Meine Doktormutter lebt in Belgien. Ohne E-Mails und Dropbox wäre ihre Betreuung dessen, was ich so mache, schwierig bis unmöglich, denn wir sehen uns naturgemäßig nicht gerade täglich.

Aber das ist nur die eine Seite der Bedeutung, die das Internet für mein/unser alltägliches Leben hat. Früher war “vom Land sein” gleichbedeutend mit “keine Ahnung haben”, einfach weil die Informationen eine Weile brauchten, um die entlegeneren Ecken zu erreichen. Das ist in Zeiten von Onlineausgaben großer Zeitungen, Mediatheken und Blogs nicht mehr der Fall (oder muss/sollte es nicht mehr sein).
Während unsere abonnierte FAS zwar immer erst Montags kommt, weil es hier Sonntags niemanden gibt, der sie austrägt, kann ich in den Onlineausgaben der Zeitungen immer zeitnah lesen, was los ist. Ich kann sowohl die unterschiedlichsten Medien als auch Leute, die diese kritisch beäugen bzw. kommentieren einfach und unkompliziert verfolgen, kann selbst bloggen oder kommentieren und somit an diesen Diskursen teilhaben.
Ich kann hier bei uns Fotos machen und sie für die über 300 km entfernt wohnenden Urgroßeltern meines Sohnes online stellen, sodass diese von unserem täglichen Leben etwas mitbekommen, ihn wachsen sehen und all das kommentieren können. Außerdem kann ich Postkarten in alle Welt schreiben und welche bekommen (ich weiß, sowas ging vorher auch, aber mit vieeeel mehr Aufwand), kann Rahmeninformationen über meine Lieblingsliteratur lesen, mal schnell diese Pflanze oder jenen Vogel wikipedieren oder kann die Tour- oder Studioblogs meiner Lieblingsbands verfolgen – und zwar alles, während ich in einem Dorf sitze, dessen Infrastruktur aus einem Briefkasten besteht.

Wie ich auf dieses Thema komme? Ich las beim Nuf etwas über die echten Menschen und die im Internet und musste eben beim Misten darüber nachdenken, dass sie Recht hat, dass das alles aber nicht nur für das höhere, sondern für jedes Alter gilt.

P.S.: Ich weiß nicht, ob das alles gültige Verben sind, aber wir benutzen sie nun einmal so.