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18 Jul

Frauenquote – NaBloPoMo #18

Wende
Hast du schon einmal zu einem Thema komplett deine Meinung geändert? Warum?

Die Frauenquote

Ich dachte – vorher – dass die Quote unnötig ist, weil wir doch jetzt alle so modern sind und heutzutage doch sowieso jeder nach Qualifikation eingestellt wird und nicht nach Geschlecht. Und ich dachte, dass es blöd wäre, so als Frau, mit einem Job, den sie vermeintlich nur hat, weil sie eben eine Frau ist – und auch unfair den Männern gegenüber. Und außerdem: Wenn nur genug Zeit verginge, würden die Frauen schon von allein aufholen.

Dann besuchte ich eine Veranstaltung an meiner Universität, deren Titel ich vergessen habe und bei der im Rahmen einer Podiumsdiskussion Professorinnen sprachen, die ich zum Teil aus meinem Studium kannte und mochte.
Sie kamen aus verschiedenen Fachbereichen, aus der Informatik, aus verschiedenen Geistes- und Naturwissenschaften und sie sprachen darüber, wie ihre Karriere so verlaufen war, wie sie es geschafft hatten, heute Professorinnen zu sein und was sie uns jungen Frauen, die wir eine akademische Karriere anstrebten, raten konnten.

Erfahrungswerte

Aus den Erzählungen von ihren Studienzeiten wurde mir klar, dass sich schon einiges getan hat, es aber bis zur endgültigen Gleichberechtigung doch noch etwas zu tun gibt.
In diesen Lebensläufen ging es nicht nur um Können und fachliches Wissen, sondern hauptsächlich und viel mehr um Durchsetzungsvermögen, starke Nerven und gute Ellenbogen.
Für mich war das deprimierend: Ich erlebte diese Frauen als unheimlich stark und kompetent, als erfolgreiche Wissenschaftlerinnen, als Vorbilder – wenn ich auch noch nicht wusste, wohin mich mein Weg führen würde.
Wenn also diese klugen, starken Frauen in ihren Erzählungen aus ihrer Studienzeit, aber auch aus jüngeren Zeiten in Hochschulpolitik und Wissenschaft, davon berichten, dass sie blöde Sprüche und Diskriminierung erlebt hatten und wegignorieren mussten*. Dass sie ihr Können sehr viel häufiger und deutlicher beweisen mussten als männliche Kollegen und auch sehr viel mehr können mussten… Es brachte mich zum Nachdenken.

Diejenigen unter den Rednerinnen, die Kinder hatten, hatten haarsträubende Dinge zu berichten darüber, dass es zu der Verkündung, schwanger zu sein, Beileidsbekundungen oder Entsetzen anstelle von Freude und guten Wünschen geregnet hatte. Oder ganz einfach die Frage, warum sie denn ihre eigene Karriere so sabotiere.
Einige hatten sich aus solchen Gründen komplett gegen Kinder entschieden, weil ihnen frühzeitig klar gemacht worden war, dass sie im Falle einer Schwangerschaft ihre Arbeitsstelle wohl nicht behalten konnten und dann doch eher hinter den Herd gehören.

Am Schlimmsten war, dass sich diese Berichte nicht nur auf “graue Vorzeit” bezogen, denn besonders alt war keine der Rednerinnen und ihre Kinder waren zum Teil noch schulpflichtig.
Alle berichteten aber davon, das Glück (und ja, alle benutzten genau dieses Wort!) gehabt zu haben, an entscheidenden Punkten jemanden gehabt zu haben, der an ihr Potenzial glaubte und sie förderte, ihnen unter die Arme griff in schwierigen Zeiten und ihnen Kontakte vermittelte, ohne die es nicht weiter gegangen wäre.

Arbeitstiere

Ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut, der bei mir hängen geblieben ist und letztendlich meinen Wandel von einer Gegnerin zu einer Befürworterin der Frauenquote ausgelöst hat, aber eine der Rednerinnen begründete ihre entschiedene Pro-Quote-Meinung damit, dass es nicht (allein) an “den Männern” liege, die boshafterweise die Frauen nicht mitspielen lassen, obwohl das auch in einigen Fällen ein Faktor war.
Sie sah die Hauptursache für die schlechteren Chancen der Frauen einfach darin, dass sehr männliche Strukturen herrschen, weil sich über Jahrzehnte etabliert hat, dass die Arbeit gefälligst oberste Priorität zu sein hat.
Und dass das eben nur funktioniere, weil in so vielen Fällen die Männer sich komplett über die Arbeit definieren und das Privatleben mit Familie und Kindern vollständig von ihren oftmals nicht berufstätigen Frauen organisieren lassen.
Das sei auch der Grund, warum viele junge Männer, die Elternzeit nehmen oder in Teilzeit arbeiten möchten, schief angeschaut werden – so gehört sich das eben nicht.

Ihre Lösung, die mir plausibel erschien: Ein Wandel kann auf diese Weise nicht erfolgen. Zwar gibt es Frauen mit Erfolgsgeschichten, aber eben selten und oft dann auch nur, weil sie sich in die Strukturen fügen, die von diesen “Arbeitstieren” dominiert werden.

Sie sagte in etwa “Eine Quote, und sei es nur für einige Jahre, wird diese Arbeitstiere zwingen, die Strukturen zumindest mal zu überdenken, denn wenn so nach und nach mehr Frauen in verantwortungsvollen Posten sitzen, werden diese hoffentlich auch die Arbeitstier-Mentalität verändern.”

Es wurde also mehr als deutlich gemacht, dass es sich bei der Diskussion um die Frauenquote nicht um ein Gegeneinander von Männern und Frauen handle, sondern einfach um einen strukturellen Wandel, von dem am Ende alle profitieren. Weil es eben so ist, dass nicht automatisch jeder Mann ein Arbeitstier ist und nicht jede Frau glücklich mit Kind und Schürze zu Hause.

Nun ist dieser Vortrag schon einige Jahre her und ich bin nicht sicher, ob der Trend wirklich zu einem Wandel führt oder nur dazu, dass Frauen auch zu Arbeitstieren werden.
Wenn ich mir aber die Klagen der Wirtschaft über die ach so schreckliche Generation Y anschaue, die tatsächlich auf Work-Life-Balance achten und um 17 Uhr Feierabend machen, um noch mit den Kindern einen Spaziergang zu machen oder sie ins Bett zu bringen (sogar die Männer – uiuiui), dann denke ich, dass der Weg vielleicht gar nicht so verkehrt ist. Und dass die Quote zu einem allmählichen Wandel beitragen kann.

Blind nach Geschlecht einstellen?

Nun ist es ja so, dass zumindest akademische Stellenausschreibungen weitestgehend schon seit Jahren mit der Floskel “Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt” enthalten, und um nichts anderes geht es ja. Es soll nicht heißen “Hey, wir suchen einen Bäcker und die Frau ist Tischlerin, aber sie ist ja eine Frau, also stellen wir sie ein und nicht die vielen männlichen Mitbewerber, die wirklich Bäcker sind.”
Es soll nur darum gehen, den Nachteil, den junge Frauen, die im Generalverdacht stehen, jederzeit schwanger werden zu können (und danach, Achtung: Kinder zu haben!!!), ein wenig auszugleichen, zu Gunsten aller.
Denn es ist ja auch nicht fair, dass aufgrund dieser wirren Stukturen die Last, Geld heranschaffen zu müssen, am Ende doch häufig überwiegend bei den Männern liegt – und das, obwohl sie ihre Kinder ins Bett bringen und kochen.

Nachtrag: Das ist nur die Geschichte meiner persönlichen Gedanken, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder statistische Genauigkeit erhebt. Es ist nur das, was ich mir aus der Perspektive als berufstätige Mutter, die mit einem berufstätigen Vater verheiratet ist, so denke.


 

*Ich sage hier an keiner Stelle, dass Männer so etwas nicht erleben. Aus einigen Berichten und Recherchen habe ich nur den Eindruck, dass Frauen, die “nach oben” streben, so etwas besonders häufig mitmachen müssen.


Dieser Text entstand im Rahmen des NaBloPoMo – des National Blog Posting Month.
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