01 Mrz

Giraffe Marius

Mit diesem Werk hat der junge Künstler einmal mehr ein gesellschaftlich sehr aktuelles Thema aufgegriffen: Giraffe Marius.
Die Geschichte des Giraffenbullen Marius, der im Zoo geschlachtet wurde, löste große Empörung in den Medien aus und führte zu Diskussionen, ob es moralisch tragbar ist, Tiere wie Giraffen zu züchten, in Zoos auszustellen oder gar zu schlachten, um sie an andere Tiere zu verfüttern.

Marius

Der auffälligste Aspekt an diesem Werk ist der Umgang mit den Materialien und die bewusste Auswahl der Wasserfarbe als Medium, das mit dem Papier verschmilzt, einen durchscheinenden Farbauftrag erlaubt und so eine gewisse Unbestimmtheit transportieren kann.

Leuchtendes Magenta bestimmt optisch zunächst die Form der Giraffe und spricht eine recht deutliche Sprache: Hier wurde aus der roten Farbfamilie eine Farbe ausgewählt, die zwar an das im Zoo vergossene Blut erinnert, jedoch hinreichend verfremdet ist, um jede Form von Klischee zu vermeiden.
Vor allem im Kopfbereich scheint die Intensität der Farbe dem Betrachter förmlich entgegenzukommen, wobei der unruhige Pinselduktus und die Kleckse und Spritzer beinahe schon schmerzhaft an das Schlachten der Giraffe erinnern.

Zu dem dominanten Magentaton kommen nun zwei weitere Farben: Ein zurückhaltendes Beige und ein leichtes Hellblau, beide mit ihren ganz eigenen Aufgaben in der ausdifferenzierten Komposition dieser Giraffe.

Der Beigeton erinnert von allen Farben am stärksten an die natürliche Farbe einer Giraffe und ermahnt den Betrachter, bei aller Symbolhaftigkeit dieses Gemäldes nicht das wirkliche Tier zu vergessen, das hinter dieser Geschichte steht und das sein Leben lassen musste. Die Frage nach dem “Warum”, nach den Gründen für die Zucht und die Schlachtung von Giraffen – vielleicht auch von allen Tieren, die heutzutage in Zoos leben – wird hier überdeutlich gestellt, auch von dem im Halsbereich befindlichen und einmal mehr unangenehm an einen Schnitt, eine Wunde erinnernden quer angebrachten Pinselstrich. Auch an anderen Stellen der Giraffe finden sich “Schnitte” und Unterbrechungen, sodass ihre Form verschwimmt und aufgelöst wird, wie sie es bei den Vorgängen im Zoo ja tatsächlich wurde.
Dass diese Elemente nun allerdings in dezentem, lasierend aufgetragenem Beige auftauchen und nicht in leuchtendem Magenta, legt an dieser Stelle ganz klar den Fokus des Gemäldes auf die Giraffe als Lebewesen und nicht auf ihren Tod.

Mit der Farbe Blau, die im Gegensatz zum Magenta nicht klecksend, sondern in einem glatten, jedoch durchscheinenden Pinselstrich augebracht wurde, wird dann aber doch noch einmal dezent das Gedenken an das Ende der Giraffe Marius aufrechterhalten. Indem nämlich ein helles “Himmelblau” gewählt wurde, das an die klassische und etwas naive Vorstellung eines “Himmels” für Tiere erinnert, wird klar, dass trotz der physischen Zerstückelung der Giraffe ihre Form einer anderen Sphäre sehr wohl erhalten geblieben sein könnte.
Hier versteckt sich eine Anspielung auf die metaphysische Frage nach dem Vorhandensein des Geistes eines Lebewesens, die an dieser Stelle dadurch, dass diese Frage hier auf ein Tier und nicht auf einen Menschen bezogen ist, noch einmal an Tragweite gewinnt.

Zusammengefasst findet sich hier ein Werk, das zartfühlend und doch eindringlich die oben genannte Diskussion aufnimmt, ohne sich dabei in Klischees zu ergehen. Während die Erinnerung an das Tier an sich aufrecht erhalten bleibt, werden die Fragen nach der moralischen Vertretbarkeit gestellt, ohne jedoch eine Antwort oder gar eine Wertung zu erhalten. Indem hier gewissermaßen das “Vorher” der blauen Giraffenform und das “Nachher” in beigefarbenen Stücken durch die erratisch aufgebrachten magentafarbenen Elemente vereint werden, kann keiner der beiden Zustände ausgeblendet werden und der betrachter wird förmlich zum Nachdenken gezwungen, wenn er sich mit dieser Giraffe auseinandersetzen möchte.

Ein Gedanke zu “Giraffe Marius

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