25 Jul

Das Jahr 2015 – NaBloPoMo #24

(Heute habe ich mehr Lust auf das Thema von gestern, zu dem mir gestern gar nichts einfiel, heute aber schon.)

Museal 
Im Jahr 2115 wirst du von einem Museum gefragt, ob du die Einführung zu einem Katalog über Leben & Kultur im Jahr 2015 schreiben möchtest. Was schreibst du?

Das Jahr 2015

Die Menschen im Jahr 2015 zeichnen sich wohl hauptsächlich durch eines aus: Eine Meinung. Jeder Bürger hat eine und es ist en vogue, diese lauthals und gern auch mittels Plakaten oder in dem damals noch recht jungen Medium Internet kundzutun.
Dabei ist es nicht in erster Linie relevant, ob mit dieser Meinung etwas Sinnvolles zu einem öffentlichen Diskurs beigetragen wird – hierbei geht es vielmehr um Selbstdarstellung und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Die geführten Debatten sind manchmal sehr widersprüchlich und betreffen teilweise aktuelle politische Themen wie die damals hochbrisante Flüchtlingsproblematik oder Transatlantische Freihandelsabkommen, das zu dieser Zeit in die Wege geleitet wurde und wie wir heute wissen ganz und gar nicht die versprochenen positiven Auswirkungen hatte.

Öffentlich diskutiert werden aber auch als privat bezeichnete aber dennoch politische Inhalte wie das, was rückblickend als “Hebammenkrise” oder “Mütterstreik” in die Geschichtsbücher eingehen wird, oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bei letzterem ist zu bedenken, dass 2015 die traditionelle strikte Trennung zwischen Beruf und Privatleben gerade erst begann, lockerer zu werden, was natürlich zunächst Sorgen auslöste: Würden in der Zukunft alle immer arbeiten, die Menschen ausgebeutet und das Privatleben komplett vernichtet werden?
Was aus heutiger Sicht etwas lächerlich erscheint, wirkte 2015 noch völlig plausibel und löste großes Unbehagen aus.

Unbehagen kann ebenfalls als ein Wort der Zeit um 2015 bezeichnet werden.
Ausgelöst werden konnte das Unbehagen durch Homosexuelle, durch das Internet, durch smoothietrinkende Mütter, die bereits erwähnten Flüchtlinge, männliche Erzieher… oder ganz allgemein durch Neues.

Da dieser Artikel die Verbesserungen, die seit 2015 stattgefunden haben, hervorheben soll, werden nun drei subjektiv ausgewählte Beispiele näher ausgeführt, die zeigen soll, dass bei aller Fortschrittlichkeit, die die Menschen 2015 empfanden, doch immer noch eher altmodisch anmutendes Gedankengut in den Köpfen festsaß.

Das Internet

Das kommerzielle Internet ist 2015 noch keine 30 Jahre alt und das zeigt sich auch deutlich im Umgang mit dem sogenannten “neuen Medium”.
Das IntG (Informationstechnisches Grundgesetz) beispielsweise lag zu dieser Zeit noch gar nicht vor, was dazu führte, dass einige unter denen, die ihre Meinung kundtaten, das Internet als “rechtsfreien Raum” bezeichneten. Es wurde als gefährlich, als Neuland oder Tummelplatz für Verbrecher aller Art gebranntmarkt, wusste doch ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung noch gar nicht, was genau es eigentlich ist, das Internet.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass auch DGB (Digitale Grundbildung) erst sehr viel später als verpflichtendes Schulfach eingeführt wurde.

2015 jedenfalls waren es hauptsächlich jüngere Menschen, die das Internet auf eine Art benutzen, die annähernd vergleichbar mit unserer heutigen alltäglichen Selbstverständlichkeit ist.

An den entsprechenden Gesetzen allerdings arbeiteten Menschen, die zum Großteil beim besten Willen nicht mehr als jung bezeichnet werden konnten, und hier liegt das Problem begründet, das die Formulierung des IntG in den Folgejahren deutlich verzögern und komplizieren sollte. Es musste zunächst eine neue, jüngere und mit dem “neuen Medium” aufgewachsene Generation an Politikern heranwachsen.

Ähnlich wie bei der Einführung von gedruckten Zeitungen oder der Eisenbahn gab es laute Stimmen, die riefen, das Internet gefährde den Menschen elementar und könne sogar krank machen.
Es war eben noch kein Gleichgewicht gefunden und der Blick dafür, dass sich alle gesellschaftlichen Neuigkeiten zunächst einpendeln und in die Strukturen integrieren müsse, war 2015 noch nicht geschärft.

Die Politik

Politik war 2015 noch beinahe ungebrochene Domäne der alten Herren. Zwar gab es immer wieder erfolgreiche Frauen – immerhin herrschte in diesem Jahr die erste deutsche Kanzlerin! – doch wurden diese gern zu den “Frauenthemen” wie Kinder, Senioren und Soziales geschoben und außerhalb dieser nicht unbedingt ernst genommen. Der Fokus auf ihr Äußeres war paradoxerweise selbst bei diesen wenigen einflussreichen Frauen noch sehr stark.

Dass auch junge Menschen politisch aktiv waren, wie es mit unseren heutigen Methoden selbstverständlich ist, war damals eher eine Seltenheit und traurigerweise hatten 2015 wohl die meisten jungen Leute noch immer das Gefühl, nichts bewirken zu können.

Stattdessen gab es sogenannte Lobbyisten, die eine bestimmte Firma oder Interessensgruppe vertraten und vollkommen ungehindert von Ethik und Grundgesetz ihren Einfluss bei den Politikern geltend machen konnten, um zum Teil gegen energischen Widerstand der Bevölkerung absurde Gesetze zu verabschieden.

Formen der Bevölkerungsbeteiligung, die unseren heutigen ähneln, lagen noch in den Grundzügen. Diejenigen, die sich diese zu Nutzen machten, wurden gern als “Wutbürger” bezeichnet, die nicht wirklich etwas tun und einfach nur Knöpfe klicken möchten.

Es wird klar: Das Verständnis für ganz alltägliche Probleme und Vorgänge im Leben normaler Menschen war in der Politik 2015 quasi nicht gegeben, stattdessen lebten Politiker abgeschirmt in ihrer eigenen, finanziell völlig sorglosen Welt.

Die Hebammenkrise/der Mütterstreik

Die Auswirkungen dieser Krise sollten erst viel später wirklich klar werden, doch mit den Gesetzesänderungen 2015 wurde dieser Krise der Weg bereitet.
Was aus heutiger Sicht sonnenklar ist, nämlich der Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden junger Mütter und der Unterstützung für Menschen mit Kindern auf der einen und der Anzahl der geborenen Kinder auf der anderen Seite war 2015 noch nicht erkannt.

Anstatt ganz vorn anzusetzen und die Betreuung in der Schwangerschaft und eine sichere Geburt als oberste Priorität in der Familienpolitik anzusehen war 2015 noch geprägt von mehreren halbherzigen Versuchen, mit verklausulierten und schwer verständlichen, sich permanent ändernden finanziellen Anreizen Menschen, die die schwere Entscheidung für Kinder bereits gefällt hatten, Zuschüsse zuzuteilen.
Da es 2015 tatsächlich noch ein beruflicher Nachteil war, Kinder zu haben, um die sich gekümmert werden musste, konnten diese familienpolitischen Irrläufer nicht den erwünschten Erfolg haben.

Hinzu kommt, dass es 2015 noch relevant war, welches Geschlecht die Menschen, die sich ein Kind wünschen, haben. Üblicherweise waren es damals ein Mann und eine Frau, die mehrere Kinder gemeinsam großzogen und zudem eine Beziehung zueinander hatten oder eine Frau, die mit ihren Kindern allein lebte.
Alternativmodelle, wie sie heute niemanden mehr aufregen, wurden 2015 noch kritisch beäugt und unter dem Deckmantel des Kindeswohls zum Teil tatsächlich verboten.

Der Mütterstreik, von dem heute jedes Kind im Geschichtsunterricht lernt, steht den Menschen von 2015 noch bevor, sodass anstelle von allumfassender Unterstützung des Kinders an sich in der Gesellschaft eher eine kinderfeindliche Stimmung herrscht.
Tatsächlich war es in den Jahren um 2015 möglich, dass die sogenannten “Kindertagesstätten” aus ihren Räumlichkeiten geklagt wurden, weil die Anwohner sich gestört fühlten – hier wird klar: Noch ist Kinderlachen nicht zu dem raren Gut geworden, das es in den folgenden Jahren werden soll.

Doch auch die Mütter untereinander sind sich bei Weitem noch nicht so einig, wie sie es in der historischen Zeit des Mütterstreiks sein werden. Stattdessen bestanden 2015 noch Fronten von “Vollzeitmamas” auf der anderen und “Karrieremüttern” auf der anderen Seite, Beschimpfungen und Unterstellungen waren an der Tagesordnung.
Heute unvorstellbar: Es gab sogar einen Begriff, der benutzt wurde, um andersdenkenden, anders erziehenden – schlicht anders lebenden Müttern zu unterstellen, sie seien egoistisch, schlecht für ihre Kinder oder gar nicht an diesen interessiert: Rabenmutter.


 

Dieser Text entstand im Rahmen des NaBloPoMo – des National Blog Posting Month.
Wer mehr darüber erfahren will, klicke hier.

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