“Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.”
Auf dieses Buch bin ich durch ein Literaturforum aufmerksam geworden. Wie das immer so ist, wenn man etwas immer und immer wieder hört, wird man neugierig und will wissen, worum es eigentlich geht.
Es geht um zwei absolut unterschiedliche und sich doch irgendwie ähnliche Personen, nämlich eine altkluge Zwölfjährige und eine etwas ältere Concierge, die im selben Haus wohnen und sich über die Menschen um sich herum Gedanken machen. Jede auf seine Art. Sie finden sie dumm, ignorant und abgestumpft und beide verstecken sie ihr wahres Ich vor diesen Menschen, weil es nicht in die Glamourwelt der Reichen in diesem Haus passen würde, so zu sein, wie sie eben sind.
Ich konnte nur schwerlich aufhören zu lesen, weil es einfach toll geschrieben ist und die wechselnden Perspektiven der beiden Erzählerinnen mich immer wieder verleitet haben. “Noch ein Stückchen…” So geht das die ganze Nacht lang. ![]()
Die letzten paar Seiten des Buches haben mich dann ganz schön mitgenommen. Es ist ein tragisches Ende und bei den Worten über die schreckliche Endgültigkeit des Todes kamen mir einfach die Tränen. Es ist wahr, man begreift solche Dinge erst, wenn man sie erlebt und dann wird einem schlagartig klar, dass das Wort “nie” ganz furchtbar ist, wenn man es nicht nur so dahin sagt. Man merkt, dass ein ganzes Leben in Bruchteilen einer Sekunde entschieden werden kann und dass ein winziger Fehler einen Menschen um seine komplette Zukunft bringen und seine Angehörigen in ein tiefes Loch stürzen kann. Dieses “für immer” oder auch “nie wieder” begreift man erst etwas später stückchenweise und vielleicht auch nie ganz. Wie auch? Wie soll man begreifen, dass man jemanden nie wieder sieht, der eben noch fröhlich umher lief?
Aber zurück zu meiner Meinung:
Das Buch finde ich alles in allem einfach gut. Es ist toll geschrieben, manchmal habe ich beim Lesen minutenlang gekichert ob der Ironie, die in einigen Sätzen steckt und außerdem ist die Thematik auch einfach interessant: Dinge sind oft nicht wie sie scheinen und man sollte mal einen Blick hinter die Kulissen wagen, bevor man sich auf ein Urteil festlegt.
Andererseits kann man auch sagen, dass die beiden Erzählerinnen in ihrem Wahn, sich zu verstecken und in ihrer Sichtweise auf die Menschen in ihrer Umgebung eigentlich genauso daneben sind wie die Reichen selbst, die nicht merken, wie sehr sie manche Menschen verkennen. Sie haben sich auch festgelegt und interpretieren alles, was sie sehen, in dieser Hinsicht. Doch das ist wohl menschlich, man schafft sich eben ein eigenes Weltbild und vermeidet jede Dissonanz nach Kräften.
Am Ende hatte ich aber dass Gefühl, dass jemand etwas gelernt hat, dass eine Entwicklung stattgefunden hat und obwohl es so traurig endet, fand ich es eigentlich schön, denn es war auch ein friedliches Ende.
Als nächstes lese ich dann wohl Tolstoi… und ich brauche eine Tasse grünen Tee…