Zu Anfang war ich bin hin und her gerissen…
Einerseits ist es schon toll, so einen Klassiker zu lesen und zu erfahren, wie das Reisen zu Goethes Zeiten eben war, was er empfunden hat und so weiter, aber andererseits ist es stellenweise auch unheimlich zäh, weil der Maestro sich in Beschreibungen über das Essen, die Unterkunft und die Frauen ergeht, die ich eigentlich nicht wissen wollte.
Irgendwann fragte mich dann jemand: “Will man das heute eigentlich noch lesen?” Also habe ich überlegt. Will ich das?
Eigentlich sind Reiseberichte in Zeiten, wo jeder vier bis sieben Digicams, drei Handys und einen Camcorder im Schlepptau hat, ja nicht mehr “nötig”. Wozu auch? Soll doch lieber Fotos machen und nicht so viel Text schicken! Aber damals, damals brauchte man das eben. Wer seine Freunde wissen lassen wollte, wo er Urlaub gemacht hat und was er erlebt hatte, der schickte so etwas und ein paar Zeichnungen dazu. Heute schickt man Postkarten oder lädt Videos auf Youtube. Oder?
Ok, wenn ich so frage, liegt die Antwort auf der Hand: Neee!
Ich mag es, die subjektive Sichtweise Goethes zu lesen. Auch heute noch, vielleicht gerade heute, wo man überall dauernd Fotos sieht, die einen irgendwann nicht mehr interessieren. Mir geht es zumindest so, dass ich die schönsten Bilder mit blauem Meer und Palmen anschauen kann, ohne beeindruckt zu sein. Weil man sie eben überall sieht, man sieht sich satt.
Wenn Goethe aber davon erzählt, wie er Italien findet, wen er wann wo trifft und wie das Wetter war, dann ist das… einfach schön. Ok, stellenweise zieht es sich, das sagte ich schon, aber dann lese ich eben schneller. ![]()
Jedenfalls übertreffen die Bilder, die der gute J.W. in meinem Kopf hervorruft, jede Realität. Selbst, wenn er sich über den Müll in den Straßen beklagt, hat das noch was für sich. ![]()
Und jetzt mal der Versuch einer abschließenden Meinung… hm. Gar nicht so einfach, denn es steckt so viel drin in diesem Buch.
Wie schon geschrieben, gab es Stellen, an denen ich es einfach nur langweilig fand, aber an anderen war ich einfach fasziniert von Beschreibungen über Kunst und die Menschen, die damit umgehen.
Genauso ging es mir auch mit der Person Goethe. Natürlich kann man das Buch nicht lesen wie ein Tagebuch und davon ausgehen, dass es frei von Selbstdarstellung ist, aber es gibt eben Stellen, vor allem, wenn es um seine Zeichenkünste geht, an denen zu spüren ist, dass er eben nicht “der große Goethe” ist. Er schreibt davon, dass er noch viel zu lernen hat, und dass er immer wieder andere Menschen an seiner Seite hat, die ihm etwas beibringen. An diesen Stellen war ich einfach beeindruckt, weil ich immer wieder Leute treffe, die glauben, in was auch immer sie tun, perfekt zu sein und sowieso alles zu können und sich schon gar nicht von anderen Leuten etwas sagen lassen müssen. Wenn ich aber lese, dass Goethe, der größte deutsche Dichter, davon schreibt, dass er trotz seines “hohen” Alters dieses oder jenes noch verbessern möchte, ist das schon großartig. Finde ich. ![]()
Da kann man einfach mal wieder sagen: Man lernt doch nie aus!
Achso, aber die andere Seite gab es auch: Er ächzt darüber, dass ihn andauernd Leute einladen und wollen, dass er mit ihnen über seinen Werther spricht. Wenn er sich so beklagt, wirkt es schon ein wenig arrogant, allerdings ist es sicher auch anstrengend, wenn man zum Einen im “Urlaub” immer angesprochen wird und dann noch dazu auf ein Werk, dessen Entstehung schon so lange zurückliegt. Ist vielleicht ein bisschen wie die Leute, die als “One Hit Wonder” immer durch Oliver Geissens Chart-Show tingeln, nur eben, dass Goethe alles andere als das ist… Er mag nur eben nicht immer dasselbe Lied singen.