Heute mal – aus aktuellem Anlass – ein paar Gedanken zu Sprache:
Wenn man einen Text liest, in dem sich der Autor wortreich darüber aufregt, dass die “Jugend von heute” überhaupt nicht mehr richtig sprechen kann, dass viel zu viele ausländische Wörter in die deutsche Sprache einwandern und dass irgendwann Deutsch gar nicht mehr existieren wird, glaubt man, sicher sein zu können, dass dieser Text in den letzten zehn bis zwanzig Jahren entstanden sein muss.
Ich selbst kann mich sogar noch daran erinnern, dass meine Großeltern sich über meine “Comicsprache” aufgeregt haben, wenn ich als Teenager zu meinem Onkel “grins” sagte oder “schnüff” oder ähnliches. Wie soll das Kind jemals richtig sprechen lernen, wenn sie so anfängt?
Nun, ich habe es gelernt und möchte behaupten, der deutschen Sprache mächtig zu sein. Nicht perfekt natürlich. Habe zum Beispiel immer wieder Probleme mit dem Wort Rhythmus und der Frage, wie viele “h” an welchen Stellen angebracht sind.
Moooment mal. Deutsche Sprache? Rhythmus? Genau genommen ist das kein deutsches Wort ein Wort, das keine deutschen Wurzeln hat. Es ist auf dem Umweg des Lateinischen eigentlich aus dem Griechischen in die deutsche Sprache eingewandert… aber das möchte mancher heute vielleicht nicht so gern hören, die Sache mit den Griechen ist ja im Moment nicht so einfach…
Was ich eigentlich damit sagen will: Zu allen Zeiten (zu denen es so etwas wie eine deutsche Sprache gab) sind Wörter aus anderen Sprachen ins Deutsche übernommen worden. Manchmal, weil es kein passendes Wort gab, manchmal weil einfach neue Dinge entstanden sind oder aus anderen Ländern zu uns kamen – brauchten wir ein Wort für Pizza, bevor wir dieses Gericht kannten?
Bei einigen fällt es auf den ersten Blick auf. Rhythmus als Beispiel habe ich ja schon genannt. Dass das Wort “Fjord” nicht unbedingt deutschen Ursprungs ist oder etwa die “Boutique” kann man ja schon aus der Schreibweise und der Aussprache erschließen.
Manchen Wörtern merkt man es aber gar nicht wirklich an. Eines davon haben wir zum Beispiel tagtäglich in der Hand (die meisten von uns zumindest): Die Tasse. Das Wort stammt aus dem Persischen und hat noch einen Abstecher ins Arabische gemacht, bevor es im 16. Jahrhundert etwas abgewandelt ins Deutsche fand. Wir haben uns alle so sehr daran gewöhnt und mögen es, vielleicht auch, weil wir es mit köstlichem Kaffee oder wohlschmeckendem Tee assoziieren.
Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, meine Überschrift näher zu erläutern: Die ersten beiden Worte kennen sicherlich heutzutage fast alle Menschen, denn sie sind in den Medien sehr präsent und werden meistens mit Kritik verbunden. Kritik daran, dass – unnötigerweise, wie die Schreiber finden – englische oder eben türkische/russische Wörter ins Deutsche eingebaut werden, hauptsächlich von jungen Leuten, aber auch in bestimmten Berufsgruppen. Es gibt wunderbare Listen mit oftmals ausgedachten Bedeutungen und Umschreibungen, so bezeichnet Facility Management angeblich nichts weiter als den Beruf des Hausmeisters, was ich nach Lektüre dieses nicht eben kurzen Artikels grob irreführend finde. Dann werden noch Sätze zitiert, die das Wort “Yalla” enthalten und angeblich von Jugendlichen gesagt wurden, wobei einige davon erfahrungsgemäß so krude und abwegig daherkommen, dass die Jugendlichen sich sehr darüber wundern, wie sie angeblich sprechen…
Alles in allem wird also oft so getan, als sei das Deutsche dabei, zwischen all den Sprachen, die von außen auf es einströmen, unterzugehen und vergessen zu werden.
Nun können wir dann auch zum dritten Begriff der Überschrift kommen und damit den Bogen schlagen zu dem sprachmeckernden Text, auf den ich zu Beginn dieses kleinen Stücks hier anspielte. Ein solcher muss nämlich keinesfalls aus der näheren Vergangeheit stammen, wie schon die Begriffserklärung zeigen wird:
Der Begriff der Petitmäterei wurde nämlich bereits im 18. Jahrhundert gebraucht und war dort ebenso vorwurfsvoll gemeint wie der des Denglischen heute. Nur ging es dort um Entlehnungen aus einer anderen Sprache, nämlich dem Französischen. Wer damals gebildet wirken und “jemand sein” wollte, der bemühte sich, möglichst viele französische Floskeln in seine Sätze einzubauen. Das erinnert doch schon sehr an gewisse “Business-People”, die in Meetings gehen, Hearings veranstalten oder ihr Team coachen, oder? 
Heute finden wir das Französische gar nicht mehr so bedrohlich und möchten Wörter, die wir daraus entlehnt haben, nicht mehr missen: Adresse, Balkon, Charme, Sauce, und schon gar nicht die Toilette. (Wer mehr mag, schaue bitte hier nach)
Umgekehrt lässt sich übrigens auch feststellen, dass die deutsche Sprache Einfluss auf andere Sprachen hat. Ich war jedenfalls einigermaßen überrascht, als in einer meiner Lieblingsserien eine Figur plötzlich (in der englischen Fassung) sagte “This is totally verboten!” Oder als ich in einem Artikel über die Rocky Mountains über das dortige “Alpenglow” las…
Die Amerikaner haben offenbar eine Schwäche für deutsche Wörter, sollte Deutsch also hier bei uns aussterben, konservieren sie dort sicher einiges für uns und wir können es dann auftauen, wenn uns das Denglische zu uncool wird.
Es gibt noch weitere Beispiele in anderen Sprachen, aber ich nenne nur noch zwei, die mir aufgefallen sind: Das Wort “Kindergarten” wird in vielen Sprachen verwendet und die Japaner haben das Wort “Arbeit” in ihre Sprache übernommen. Sie haben es allerdings ein wenig angepasst und “Arubeito” daraus gemacht.
Was kann man nun als Fazit ziehen aus all diesen Überlegungen?
Soll man aufhören, die deutsche Sprache bewahren zu wollen und unreflektiert Anglizismen übernehmen oder soll man strikt versuchen, die deutschen Worte zu verwenden, um zu vermeiden, dass unsere Sprache sich in Luft auflöst?
Zunächst einmal glaube ich persönlich nicht an ein in Luft auflösen, aber das sei nur mal nebenbei bemerkt.
Ich sehe das ganze ein wenig… nunja, globaler. Ich glaube nämlich, dass beide Seiten notwendig sind innerhalb einer Sprachgemeinschaft, damit die gesunde Balance erhalten wird. Diejenigen, die lieber im Weltnetz unterwegs sind (dieser Begriff hat für mich allerdings einen unangenehmen Beigeschmack), anstatt im Internet zu surfen, sind ebenso notwendig wie die oben genannten Business-People und die coolen Kids, die sich gegenseitig zurufen “Ey, chillt doch mal!”.
Man könnte es als großes Tauziehen um Sprache bezeichnen und es ist meiner Meinung nach ein ganz normaler Bestandteil des Sprachwandels, wie es ihn wohl schon immer gab. Wenn eine Seite nun zu ziehen aufhören würde, wäre die gesunde Entwicklung der Sprache gestört – die andere Seite landete dann wohl im Matsch, um beim Bild des Tauziehens zu bleiben. Einige deutsche Wörter sind einfach zu schön und zu treffend, um durch anderssprachige ersetzt zu werden, während andere so dämlich klingen, dass es gar nicht schlecht ist, wenn wir uns hier von anderen Sprachen inspirieren lassen. Für manche Dinge gibt es noch kein Wort im Deutschen, dafür hat eine andere Sprache ein sehr schönes – warum also nicht dort “klauen”, das Wort für unsere Sprache ein wenig “zurechtschnitzen” und es ganz normal verwenden? Wer möchte schon “langes, dünnes Weißbrot” anstelle von “Baguette” sagen, wer mag “etwas vergorene Milch” anstelle von “Joghurt” essen oder eine “tragbare Rechenmaschine mit Bildschirm und Eingabemögichkeit” anstelle von “Laptop” mit sich herumtragen? Ich nicht.
Trotzdem ist es gut und wichtig, dass es Sprachpfleger und auch -nörgler gibt – Menschen, die sich Gedanken machen darum, was wie in die deutsche Sprache einfließt. Sie werden den Prozess des Sprachwandels nicht aufhalten können, aber sie sorgen dafür, dass er hin und wieder reflektiert wird – was nicht schaden kann, um herauszufinden, ob ein Anglizismus wirklich sinnvoll ist oder ob es nicht bereits ein schönes, deutsches Wort gibt. Außerdem sind sie oft kreativ und versuchen, deutsche Wörter für Dinge zu finden, für die es noch keine Bezeichnung gibt. Ob solche Erfindungen dann angenommen werden oder nicht, liegt dann zwar wieder in der Hand der Sprecher, die es benutzen und weitergeben und schließlich in den Duden wandern lassen, doch es ist gut, einen Anstoß zu geben für solche Prozesse. (Dass es manchmal auch nicht klappt, zeigt der Begriff “sitt” meiner Meinung nach sehr gut – fieses Wort!)
Kreativität tut Sprache immer gut, denn Sprache ist keinesfalls in Stein gemeißelt! Sie ist lebendig und deswegen ist es schön, mit ihr zu spielen, sie zu verwenden und immer wieder abzuändern, um sie auf unsere persönlichen, sich verändernden Lebensbedingungen anzupassen. Es hatte schließlich seinen Sinn, dass es vor 500 Jahren noch kein deutsches Wort für “Computer” gegeben hat!
Wer sich für Sprachwandel und Phänomene der Jugendsprache interessiert, dem kann ich diese beiden Bücher empfehlen:
Sprachwandel: Von der unsichtbaren Hand in der Sprache (Uni-Taschenbücher S)
Jugendsprache: Eine Einführung